Lauf-ABC

Bei einem Lauf-ABC haben wir die Möglichkeit, unter besonderen Bedingungen unsere Technik zu hinterfragen und unsere Konzentration auf unseren Laufstil zu lenken. Am besten suchen wir uns dazu eine schöne Wiese, auf der wir 50 - 100 Meter auf und ab laufen können.

Erfahrungsgemäß gehen unser subjektiver, gefühlsmäßiger Eindruck, wie wir eigentlich laufen, und der objektive optische meist nicht wirklich konform. Wir schätzen unseren Stil oft einfach falsch ein. Was sich in unserer Vorstellung schon als recht dynamisch und aktiv anfühlt, sieht auf einem Video meist noch gar nicht danach aus.

Eine Änderung der eigenen Lauftechnik geht man am besten in 3 Phasen an:

  1. Bewusstwerdung und Analyse durch Videoaufnahme.

  2. Erlernen von etwaigen Änderungen durch "Lauf-ABC".

  3. Festigung, Vertiefung und Automatisierung durch die "Lauf-Etüde".

 

 
 


Eine Videoaufnahme und Analyse danach ist der einfachste Weg, sich seines Laufstiles bewusst zu werden. Die meisten Menschen sind "optische Typen", d. h. was sie sehen, können sie leicht verinnerlichen und sich merken. Stichwort: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte! (Im Gegensatz zum "akustischen", der etwas öfters hören muss, um es sich zu merken und dem  "kinästhetischen" Typen, der sich beim Lernen bewegen muss. Fast alle Menschen sind natürlich mehr oder weniger ausgeprägte Mischtypen.)

An Möglichkeiten, seinen Laufstil zu hinterfragen und danach vielleicht das eine oder andere Detail zu ändern, mangelt es freilich nicht. Selbst die  Weltklasseläufer befassen sich regelmäßig mit ihrer Technik und versuchen auch, diese "laufend" zu optimieren. Zwar gibt es immer wieder prominente Beispiele für Läufer, die stilistisch "saumäßig" und trotzdem saumäßig schnell liefen (Emil Zatopek z. B.), die Regel ist dies allerdings nicht.
 

Wie und was man bei einem Lauf-ABC schulen und verbessern kann, darüber geben viele Laufbücher detailliert Auskunft. Ich bin aber der Überzeugung, dass ein effektives Techniktraining nur dann schnell Fortschritte zeigt, wenn man nach dem Prinzip der "Siamesischen Zwillinge" vorgeht. D. h. immer zwei technisch zusammenhängende Probleme gleichzeitig angeht.

 

   
 


Lauf-Etüden

Jeder von Ihnen, der einmal ein Instrument erlernt hat, kann sich unter einer „Etüde“  wahrscheinlich etwas vorstellen. Um an einem Instrument eine gewisse Fingerfertigkeit zu bekommen, ist es notwendig, sich mit Übungsstücken auseinander zu setzen, die ein spezielles technisches Problem beinhalten. Jedes Instrument hat so seine eigenen technischen Schwierigkeiten, die gesondert trainiert werden müssen (sollten!).

Solche Übungsstücke können so gestaltet werden, dass sie überhaupt keinen musikalischen Sinn ergeben. Dann bleiben sie einfach banale Übungsstücke zur Verbesserung der Fingerfertigkeit. Sie können von Komponisten aber auch so brillant auskomponiert werden, dass man sie sogar in Konzerten der besten Musiker wieder findet. Meistens handelt es sich um Stücke, die ein spezielles technisches Problem behandeln.

Was hat bitte eine Etüde für ein Instrument mit dem Laufen zu tun? Nun: Was wir uns an Sensibilität für unseren Laufstil in Form des Lauf-ABC's erarbeitet haben, können wir bei unseren täglichen Laufausflügen gezielt einbauen, um es zu automatisieren. Nun wird es ja nicht so sein, dass uns alles gleichzeitig einfällt, noch können wir alles, was uns tatsächlich einfällt, gleichzeitig berücksichtigen.

Wir können uns aber einen technischen Schwachpunkt heraus greifen und unsere Aufmerksamkeit einen Lauf lang darauf gezielt lenken. Und schon haben wir eine Laufetüde! Je nach Streckenbeschaffenheit, Gelände und Länge wird der Schwerpunkt unterschiedlich ausfallen. Es lohnt sich aber, für eine halbe bis eine Stunde sich einem Problem zu widmen. Wie beim Lauf-ABC ist es sinnvoll, zwei eng verwandte Stil prägende Elemente gleichzeitig zu berücksichtigen. Man wird nachher wahrscheinlich anders laufen wie vorher! Oder zumindest den Schwachpunkt deutlicher erkennen. Ist ja auch schon was!
 

 
 


Wenn es uns gelingt, uns unseren eigenen Laufstil ein wenig bewusster zu machen, indem wir der Technik hin und wieder gezielt mehr Beachtung schenken, können wir darauf vertrauen, mit der Zeit rationeller, kraftsparender und damit auch länger und flotter unterwegs zu sein. Das ist ja das Ziel allen Techniktrainings, egal in welcher Sportart.

Wer auf eine solide und variantenreiche Lauftechnik zurückgreifen kann, wird diese im Laufe der Zeit auch intuitiv einsetzen.
 

Jedes Gelände erfordert z. B. eine unterschiedliche Anwendung von Vor-, Mittel- und Fersentechnik. Diese unterschiedlichen Techniken bewusst einzusetzen ist gut. Wer sie aber richtig verinnerlicht hat, braucht nicht mehr viele Gedanken daran verschwenden und kann sich auf andere, vielleicht wichtigere Dinge beim Laufen konzentrieren.

Für mich ist fast jeder meiner fast täglichen Läufe AUCH ein Lauf, bei dem zumindest zeitweise der Technik mein kinästhetisches Augenmerk widme. Das schmälert mein Lauferlebnis in keiner Weise, sondern bereichert den Laufalltag einfach enorm.
 

   

© Erich Schwarz, Seefeld in Tirol